Ich habe versagt! How to fail

Weißt du, mein ganzes Leben glaubte ich, dass das Begraben eines Vorhabens, das unerwartete Schließen eines Kapitels gleichzusetzen ist mit dem Versagen. Ich meine damit nicht sich im ausgewählten Reisespot geirrt zu haben und das schließlich vor Ort irgendwie hart bereuen, oder die frisch gedroppten, limitierten Sneaker in der falschen Größe gekauft zu haben. Das ist es nicht. Es geht um viel mehr. 

Es geht um das Loslassen einer bedeutsamen Geschichte. Ich meine diese Art von Fail. Etwas  Großes versucht und nicht geschafft haben. Ein commitment eingegangen sein und hingeworfen zu haben. Das Erwartete nicht haben leisten können. Durchgefallen, ausgeschieden… und das nicht nur im Mathe Unterricht, sondern in viel mehr. 

Kennst du das Gefühl eine Sache aufzugeben, die dir immer noch irgendwie am Herzen liegt, weil sie eben für eine lange Zeit viel bedeutete, Gewicht hatte, dir eine Identität gab? Genau diese  eine Geschichte, in der so schwer Abstand und Nüchternheit hineinzubekommen ist. Die du nicht leichtfertig aufgeben wolltest – weil sie dir was wert war. Und das hieß für dich und für mich viel Versuchen, immerzu und dauerhaft. Darum kämpfen, festhalten, Rettungsanker auswerfen und Notbremsen ziehen und die Extrameile gehen. In meinem Fall z.B. diese eine Beziehung, dieses eine Business, dieses eine Versprechen. Diese Fails meine ich, weißt du… Diese Fails mit dem Ergebnis: Game over.

Mit erhobenen Hauptes das Schlachtfeld trotz Niederlage verlassen – manche können das; ich gehörte lange nicht dazu. Diese Welt kannte ich nicht. Die Option des Zurückruderns, des Meinungschanges gab es kaum. Stattdessen: lieber von Vornherein Fehltritte vermeiden, die  ewige Suche nach dem bestmöglichen Weg und passend dazu ganze Nächte um die Ohren schlagen – entweder mit Gedanken, die so laut und dann wieder sehr leise waren – oder mit Clubnächten, Feierei und schließlich guys, die genauso lost waren, es mit Coolness überspielten und die Kombination aus uns gefährlicher war als der Cocktail aus einer Menge Tequila, Wein und Zigaretten. Am Morgen dann die Erschöpfung des Todes; nicht besonders sichtbar, sie war innerlich und die meiste Zeit gut versteckt. Dieses innere Ausgebrannt-sein… Es kam, blieb, zog ein, zusammen mit dem schalen, abgeranzten Geschmack der Situation. Jesus, diese Situation war mein Leben.

Siege hingegen wurden ausgiebig gefeiert, sogar fast schon glorifiziert. Sie waren für mich notwendig wie die Luft zum atmen. Ich musste es schließlich mir und auch allen anderen herum beweisen. Das Hochgefühl war jedoch kurz, ein Gewinn hallte nicht lang nach – denn er war für mich meist nicht Gewinn genug. 

Über das Scheitern sprach ich zwar, jedoch nicht lernend und reflektierend,  sondern vorwerfend. Ich war durchgefallen – vor mir und vor anderen. Dieses Denken machte mich klein, weißt du. Ich verband die Versageridentität fest mit mir, knüpfte ihre Stimme in mein tägliches Gedankenkonstrukt mit ein, bis sie vertraut und immer da war. Ich war nicht der Herr meines Geistes. Ich verlor mich in mir, zog mich selbst herunter. Begriff nicht, dass ich selbst die Stimme war, ich sie tatsächlich selber wählen konnte.

Das führte dazu, dass ich irgendwann nur so halb lebte. Ab und zu mal ein bisschen was riskieren, trotzdem die meiste Zeit lieber in sich sicher anfühlender Zurückhaltung. Mein Mentor nennt diesen Zustand half pregnant. Der halbe Zustand. Nichts Ganzes. Ich war nur halb am Leben. Durch 50 Prozent floss Blut.  50 Prozent starben ab. Das hieß: jeder Tag nur halb ausgeschöpft, ich war halb laut, halb erlebend, halb begreifend, nur halb zufrieden. Halb tot. Ja genau – es fühlte sich exakt so an. Es gab kein All-in mehr. Selbst Entscheidungen traf ich zuletzt nur so halb. Alles war mir lieber als das Gefühl des Versagens. Ich nahm damit in Kauf, dass das Leben an mir in einem Affenzahn vorbeizog – das für mich vorgesehene Leben in all seinen Farben und Facetten – und mir gelang der Aufsprung einfach nicht. 

Lange Zeit hatte ich in jeder Nacht einen Albtraum: ich wollte rennen – und kam nicht vom Fleck. Konnte keinen speed aufnehmen, den Puls der Zeit nicht catchen – ich war starr und einfach schwer. Wanderte schwerfällig wie durch Treibsand.

Weißt du, es war als stünde ich jeden Tag an einem Bahnsteig – zögernd, unsicher, manchmal jedoch wirklich echt entschlossen, und hielt mein Ticket in der Hand. Ich konnte einen Zug kommen hören, und zu Beginn bretterte er jedes Mal vorbei und nahm mich nicht mit. Wieder nicht und wieder nicht. Irgendwann später hielt er jedoch an, dieser beeindruckende Zug. Er war ohne Zweifel der schönste Zug, den ich je gesehen habe. Aus glänzendem Metall, kupfer, aus einem Guss, schillernd und strahlend schon von Weitem. Jedes Mal machte er an meinem Bahnhof Halt, dieser Zug der Möglichkeiten, mit der Aufschrift „come and you will see“. So oft, dass ich schließlich begann ihn auch in meinen Träumen zu sehen. Es machte mich verrückt nicht zu wissen, was genau es war, dass sich mir verbarg. „Come and you will see“ – wohin sollte ich kommen, was sollte ich sehen?! Egal wen ich fragte, niemand konnte mir diese Frage beantworten – denn niemand außer mir sah diesen Zug. Ich war kurz davor den Verstand zu verlieren. Irgendwann begann ich verhalten zwei Schritte auf die Tür zuzumachen, die sich schwer, langsam und geräuschvoll öffnete. Weiter kam ich nicht. Als ich auf mein Ticket hinunterblickte, bekam ich die Antwort: ich selbst hatte es die ganze Zeit nicht abgestempelt.

⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀

Weißt du, als ich schließlich begann mich selbst zu erkennen, erkannte ich diese Zeichen. Ich begann mich zu sehen – wie ich bin, was ich kann, und wer ich sein möchte. Meine Wurzeln, meine Werte, mein wahres Ich. Das war es, was mir der Zug der Möglichkeiten sagen wollte. Ich begann die Geschenke anzunehmen, die mir das Leben mit den Dingen gemacht hatte, die nicht funktionierten. Diese eine Beziehung, dieses eine Business, dieses eine Versprechen. Ich begriff, es geht nicht um das Nie-scheitern – sondern genau um das Scheitern. Des Okay-seins mit einem Fail. Des daran Wachsens und stärker werden. Stärker und noch stärker. Because that means we’re alive. Es bedeutet wir sind lebendig und in Bewegung. Es ist das Ausprobieren, das Leben testen, schmecken, nutzen – zu 100 Prozent. Komplett da sein – so richtig mit in Gänze fühlen und erleben und spüren und nutzen. Genau das ist es. Mehr zu wollen und vor allem: mehr zu geben. 

Deshalb: wende Güte bei dir selbst an. Limitiere dich nicht. Werde dein eigener bester Freund. Du bist gut genug. Gestern, jetzt und morgen. Entferne dich von jedem, der anderes behauptet. Es wird Menschen geben, die meinen du hast vollständig versagt, weil du nicht mehr in ihre Schablone passt – sie sehen nicht, dass du in Wirklichkeit wiedergeboren wurdest. 

Überziehe deine rohe Vergangenheit nicht mit Zuckerguss, schiebe nicht weg – sondern arbeite auf, arbeite mit dir, finde deine Verbindung, nimm dich an. Vergib dir und verzeihe. 

Dein Du heute reicht. So wie es immer reicht. Dein Wert liegt in dem, wer du als Mensch bist. Fang an zu glauben und dich zu sehen.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Herzkoma sagt:

    Nicht schlecht .. 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s